Interview Dr. Eike Heinecke (Umweltzeitung)

Interview mit Dr. Eike Heinecke, Niedergelassender Arzt in Reichenbach-Steegen
März 2019 - Interviewfragen: Karl-Heinz Peil

Immer mehr Krankheiten und vorzeitige Todesfälle werden auf Umweltwirkungen zurück geführt. Doch wie lässt sich das im Einzelfall beurteilen, bzw. diagnostizieren?

E.H.: Wenn man sich bewusst ist, dass unser Gesundheitssystem für Ärzte und Kassen ein Geschäft und Zeit Geld ist, dann ist fürs Zuhören zu wenig Zeit. In der Regel wartet man, bis wahrnehmbare Symptome auftreten, um diese möglichst schnell ohne großen Zeitaufwand zu „beseitigen“. Allerdings entstehen damit chronische Krankheiten und Dauerpatienten. UMWELT-erkrankungen machen aber wenig oder recht spät Symptome, sind aufgrund ihrer Entstehung verdeckt, schleichend, oft auch multikausal. UMWELT-erkrankungen sind hauptsächlich chronische Krankheiten, die nach systemisch funktioneller Diagnostik und nach einer zeit- und kostenaufwendigen  Medizin der Person und seines Umfeldes verlangen. So gibt es kaum Ärzte und Kassen, die sich für UMWELT-erkrankungen einsetzen.

Es gibt die wissenschaftliche Angabe, dass in Deutschland ein Viertel aller (frühzeitigen) Todesfälle auf schädigende Umwelteinflüsse zurück zu führen sind. Angesichts dessen stellt sich die Frage: Wie steht es um die Umweltmedizin als (eigenständige) Wissenschaft, soweit man das in wenigen Sätzen beantworten kann?

E.H.: Bei der Lehr- und Forschungstätigkeit  an Universitäten sieht es nicht besser aus als bei den niedergelassenen Ärzten. Unterstützung ist da nicht zu erwarten, im Gegenteil: man kommt Wirtschaftsinteressen und der Politik bedenklich nahe. Umweltmedizin ist immer noch stiefmütterlich untergebracht. Bezeichnend ist z.B. dass beim 121. Deutschen Ärztetag in Erfurt 2018 die Chance vertan wurde, die Zusatzbezeichnung „Klinische Umweltmedizin“ für die damit befassten Ärzt*Innen anzuerkennen,  um sie gleichberechtigt neben alle anderen Medizinischen Richtungen zu stellen. Damit werden umweltbedingte Krankheiten als zu vernachlässigende Erkrankungen gesehen und damit sind auch die Ärzt*Innen überflüssig, die sich dieser Problematik angenommen. Umweltbedingte Erkrankungen betreffen allerdings immer größere Teile der Bevölkerung, besonders wenn soziale Aspekte mit eingeschlossen werden.‘

Wie ist ihre Wahrnehmung aufgrund ihrer langjährigen Erfahrungen als praktizierender, niedergelassener Arzt in der Militärregion Kaiserslautern? Welche Erkrankungen Ihrer Patienten haben offensichtlich einen erheblich größeren Anteil gegenüber den Ihnen bekannten statistischen Durchschnittswerten?

E.H.: Allergien-, Darm-, Autoimmun- Erkrankungen bis bin zur Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) sind in unserem Praxisbereich gehäuft. Selbst die Ärzt*Innen, die früher umweltbedingte Erkrankungen als  psychotisch abtaten, leugnen dieses heute nicht mehr, angesichts der dramatischen Zunahmen von chronischen Erkrankungen. Um diese zu diagnostizieren, ergibt sich aber ein hoher Zeit- und Kostenaufwand, der von den Kassen nicht übernommen wird. Umweltmedizinisch ausgerichtete Ärzte weichen entweder auf Privatliquidation aus oder haben bis zu 30% weniger Patienten.

Dazu ein Statement des Deutschen Berufsverbandes Klinischer Umweltmediziner e.V. Berlin: 

Selbst die konservativsten Kreise der Universitätsmedizin leugnen nicht mehr, dass das Vorkommen chronisch entzündlicher Erkrankungen dramatisch zunimmt. Patienten mit Allergien, Autoimmunerkrankungen, chronischen Infektionen sowie empfindlichen Darm, Haut oder ZNS Erkrankung bestimmen den Praxisalltag im niedergelassenen ärztlichen und zahnärztlichen Bereich. Egal ob Mediziner oder Zahnmediziner wir werden uns alle zunehmend mit dem Immunsystem sowie den Ursachen und den Folgen der systemischen Entzündung beschäftigen müssen. Andernfalls lassen sich chronisch entzündliche Erkrankung nur  “verwalten” bzw. medikamentös die Symptome kaschieren. Dieses schwierige Thema muss praktisch ganzheitlich und trotzdem wissenschaftlich betrachtet werden.

Welchen Anteil haben Ihrer Meinung nach die Air Base Ramstein und andere Militärstandorte in der Region an Umwelterkrankungen durch Lärm und Luftschadstoffe?

E.H.: Das ist sehr schwer zu sagen. Lösungsmittel, Treibstoffe, Schwermetalle Lärm machen große  Probleme am Kreislauf, Stoffwechsel, aber besonders auch Nervenschäden (z.B. ALS). Bündnis 90/Die Grünen Kaiserslautern fordern deshalb hierfür ein Krankheitsregister.

Welche Ansätze gibt es für Sie, um diese offensichtlichen Umweltbelastungen in den politischen Diskurs einzubringen?

E.H.: Wir haben einen gemeinnützigen Verein gegründet, Verein für Gesundheit und soziale Verantwortung e.V. um Aufklärungsveranstaltungen zu organisieren. Politisch gibt es einige parteiübergreifenden Beschlüsse vom Kreistag Kaiserslautern zu Fluglärm sowie einem Kataster von militärischen Altlasten wie z.B. Asbest auf Liegenschaften. Wahlen sind gute Möglichkeiten für Infostände, Organisation und Besuch eigener und fremder Veranstaltungen um auf die weitreichende Problematik hinzuweisen sowie auch immer wieder Großveranstaltungen wie STOPP AIR BASE RAMSTEIN!

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