2019-08_Uebersetzung_Costs-of-War

Treibstoffverbrauch des Pentagons, Klimawandel und Kriegskosten

Auszugsweise Übersetzung aus der Studie von Neta C. Crawford, Boston University (12. Juni 2019) - KP

In ihrem Streben nach Sicherheit geben die Vereinigten Staaten mehr für das Militär aus als jedes andere Land der Welt, sicherlich viel mehr als die kombinierten Militärausgaben ihrer wichtigsten Konkurrenten, Russland und China. Das Budget des Verteidigungsministeriums (Pentagon), das im Haushaltsjahr 2019 über 700 Mrd. US-Dollar beträgt und mit einem noch höheren Betrag für das Haushaltsjahr 2020 genehmigt wurde, umfasst jährlich mehr als die Hälfte aller Bundesausgaben, deren Zustimmung durch den Kongress notwendig ist. Mit einer Streitmacht von mehr als zwei Millionen Menschen, elf atomgetriebenen Flugzeugträgern und dem aufwendigsten Militärflugzeugprogramm (F-35) sind die USA in der Lage, überall auf der Welt und mit dem im Aufbau befindlichen "Space Command" auch im Weltall präsent zu sein. Darüber hinaus befinden sich die USA seit Ende 2001 kontinuierlich im Krieg, wobei das US-Militär- und Außenministerium derzeit in mehr als 80 Ländern an Antiterror-Operationen beteiligt ist.

All diese Kapazitäten für die Bereitstellung und den Einsatz von militärischer Gewalt erfordern viel Energie, der größte Teil davon mit fossilen Brennstoffen. "Energie ist das Lebenselixier unserer Fähigkeiten zur Kriegsführung.", so US-General Petraeus 2011. Obwohl das Pentagon in den letzten Jahren zunehmend von „Energiesicherheit“ spricht, ist es immer noch ein bedeutender Verbraucher von Energie aus fossilen Brennstoffen. Tatsächlich ist das Pentagon der größte institutionelle Verbraucher von Erdöl und damit der größte Produzent von Treibhausgasen weltweit.

Dieses Papier untersucht speziell den militärischen Treibstoffverbrauch für die US-Kriege nach dem 11. September 2001 und dessen Auswirkungen auf die Treibhausgasemissionen. Eine Abschätzung von 2001 bis 2017ergibt, dass das US-Militär 1.212 Mio. Tonnen Treibhausgase (gemessen in CO2-Äquivalent oder CO2e) ausgestoßen hat. Diese waren im Jahr 2017 höher als diejenigen ganzer Industrieländer wie Schweden oder Dänemark.

Die Pentagon-Emissionen für alle militärischen Operationen von 2001 bis 2017 werden auf etwa 766 Millionen Tonnen CO2e geschätzt. Anteilmäßig davon betragen die gesamten kriegsbedingten Emissionen, einschließlich der Militärinterventionen in Afghanistan, Pakistan, dem Irak und Syrien, mehr als 400 Millionen Tonnen CO2e. […]

Die globale Erwärmung ist die sicherste und direkteste der Bedrohungen, denen die USA in den nächsten Jahrzehnten ausgesetzt sind. Tatsächlich hat die globale Erwärmung begonnen: Dürre, Feuer, Überschwemmungen und extreme Temperaturen, die zu Vertreibung und Tod führen werden. Die Auswirkungen des Klimawandels, einschließlich extrem starker Stürme, Hungersnot und vermindertem Zugang zu Süßwasser, werden wahrscheinlich viele Regionen der Welt instabil machen - politische Spannungen nähren, Massenmigrationen und Flüchtlingskrisen anheizen. Als Reaktion darauf hat das Militär die Auswirkungen des Klimawandels auf seine lange Liste der Risiken für die nationale Sicherheit hinzugefügt.

Im Gegensatz zu Teilen der gegenwärtigen US-Regierung, die sich in verschiedenen Formen der Klimaverweigerung befindet, handeln das US-Militär und die Geheimdienste so, als wären die negativen Sicherheitsfolgen eines sich erwärmenden Planeten unvermeidlich. Das Pentagon untersucht das Problem seit Jahrzehnten und begann, seine Pläne, Abläufe und militärischen Anlagen an den Klimawandel anzupassen.

Das US-Militär hat die Möglichkeit, die mit dem Klimawandel verbundenen (Sicherheits-)Risiken zu verringern, indem es seine Rolle bei der Entstehung von Treibhausgasemissionen reduziert. Während ein gewisser Anstieg des Meeresspiegels und ein massives Artensterben mit Sicherheit eintreten werden, da diese Veränderungen bereits begonnen haben, sind die schlimmsten Folgen des Klimawandels und die damit verbundenen Bedrohungen und Folgen für die nationale Sicherheit nicht zwangsläufig. Es bleibt Zeit zu handeln, für die dringend notwendige Reduzierung von Treibhausgasemissionen.

Teil I dieses Papiers beschreibt das Ausmaß und die Struktur des militärischen Treibstoffverbrauchs der USA, einschließlich dessen, was zum Schutz des Zugangs zu Öl aus dem Persischen Golf verwendet wird.

Teil II kalkuliert die Treibhausgasemissionen des US-Militärs und den Anteil dieser Emissionen, die eine Folge der Kriegsführung nach dem 11. September 2001 sind. Das US-Militär hat mit der Reduzierung der Treibhausgasemissionen begonnen, aber es gibt noch viel Raum für deutlichere Einschnitte. Für Leser, die sich für weitere Details interessieren, geht Anhang 1 auf technische Fragen ein und fasst die Datenquellen und Annahmen für die besten Schätzungen der Treibhausgasemissionen zusammen, die von den USA im untersuchten Zeitraum erfolgt sind.

Teil III des Papiers fasst zusammen, wie das US-Militär die sicherheitsrelevanten Auswirkungen der Ölabhängigkeit versteht. Das Pentagon betrachtet den Klimawandel als eine Bedrohung für militärische Einrichtungen und Operationen sowie für die Sicherheit der Bevölkerung und beschäftigt sich darüber hinaus damit, ob der Klimawandel zu Massenmigration, Konflikten und Kriegen führt. Doch das Pentagon erkennt nicht an, dass sein eigener Treibstoffverbrauch wesentlich zu diesen Problemen beiträgt. Das Militär verwendet viel fossile Brennstoffe, um den Zugang zum Öl am Persischen Golf zu schützen. Da der aktuelle Trend darin besteht, dass die USA weniger abhängig vom Öl werden, kann es aber sein, dass diesbezügliche Missionen nicht mehr als essentiell angesehen wird und damit die Präsenz am Persischen Golf reduziert werden könnte. [...]

Weitere Alternativen zur Reduzierung der Treibhausgase durch das US-Militär werden in Anhang 2 näher erläutert.

[…]

Schätzung der Treibhausgasemissionen des US-Militärs und kriegsbedingter Auswirkungen

Wie viel Treibhausgas emittiert das US-Militär, und wie werden diese Emissionen zwischen Basis- und Übersee-Einsätzen verteilt? Es gibt viele Quellen von Treibhausgasen im Zusammenhang mit Kriegen und Kriegs-Vorbereitung. Hierbei kann man sieben Hauptquellen für Treibhausgasemissionen zugrunde legen:

1. Gesamte militärische Emissionen für Militärische Anlagen und Nicht-Kriegseinsätze.

2. Kriegsbedingte Emissionen des US-Militärs bei Einsätzen in Übersee.

3. Emissionen der US-Rüstungsindustrie für die Herstellung von Waffen und Munition.

4. Emissionen, die durch die direkte militärische Angriffe auf Ölquellen und Raffinerien erfolgen. Dabei handelt es sich um die absichtliche Verbrennung von Ölquellen und Raffinerien durch alle Beteiligten.

5. Emissionsquellen durch andere Kriegsparteien.

6. Energieverbrauch beim Wiederaufbau der beschädigten und zerstörten Infrastruktur.

7. Emissionen aus anderen Quellen, wie Feuerlösch- und Löschchemikalien bzw. anderen Treibhausgasen, sowie aus Explosionen und Bränden aufgrund der Zerstörung von Nicht-Erdölzielen in Kriegsgebieten.

Militärische Anlagen im In- und Ausland machen etwa 40 Prozent der Treibhausgasemissionen des Pentagon aus. Dabei ist Flugturbinentreibstoff ein wesentlicher Bestandteil der militärischen Treibstoffnutzung der USA und damit der Treibhausgasemissionen. Während jeder Luftmission bringen Flugzeuge Hunderte von Tonnen CO2 in die Luft, ganz zu schweigen von den Unterstützungsaktivitäten von Marine- und Bodenstationen für diese Luftmissionen. Die US-Kriege in Afghanistan und im Irak begannen mit tagelangen massiven Luftangriffen. Darüber hinaus wurde in jedem Fall Material in die Kriegsgebiete geflogen sowie Basen für Logistik und Besatzung eingerichtet. Auch der im August 2014 begonnene US-Krieg gegen ISIS in Syrien und im Irak hat Zehntausende von Flugzeugeinsätzen für verschiedene Missionen mit sich gebracht - von der Aufklärung über Luftbrücke, Betankung bis hin zu Waffenschlägen. Ein B-2 Bomber auf einer Mission von der Whiteman Air Force Base in Missouri könnte viele Male betankt werden. So haben beispielsweise am 18. Januar 2017 zwei B-2 B-Bomber, begleitet von 15 KC-135- und KC-10-Lufttankern, eine 30-stündige Rundreise von der Whiteman Air Force Base nach Libyen unternommen, um Bomben auf ISIS-Ziele in Libyen abzuwerfen.
Das Pentagon berichtet nicht öffentlich und regelmäßig über seinen Kraftstoffverbrauch oder seine Treibhausgasemissionen, und es gibt keine offizielle öffentlich zugängliche Pentagon-Quelle für alle militärischen Treibhausgasemissionen. Es ist jedoch möglich, dieses anhand öffentlich zugänglicher Emissionsdaten des Energieministeriums abzuschätzen und abzuleiten, wie viel davon auf Kriegseinsätze zurückzuführen sind.
Während das Pentagon seinen Energieverbrauch nach militärischen Anlagen (Originalbezeichnung: "Installations") kategorisiert, verwendet das Energieministerium verschiedene Kategorien und unterteilt die CO2-Äquivalentemissionen der Regierungsabteilungen in drei Kategorien: Standardbetrieb, Sonderbetrieb und biogene Emissionen. Da sich die vorliegende Studie auf Treibhausgasemissionen aus der Nutzung fossiler Brennstoffe konzentriert, werden die wesentlich geringeren biogenen Emissionen (von "Bio"-Kraftstoffen) nicht in die Schätzungen einbezogen.
Nach der Definition des Energieministeriums gehört zu den nicht standardisierte Operationen der Einsatz von Fahrzeugen, Schiffen, Flugzeugen und andere Ausrüstungen, die von den Bundesbehörden in den Bereichen Kampfunterstützung, Kampfdienstunterstützung, taktische oder Hilfsoperationen, Ausbildung für solche Operationen, Strafverfolgung, Notfallreaktion oder Raumfahrt, einschließlich der dazugehörigen stationären Ausrüstung, eingesetzt werden. Die nicht standardisierten Operationen umfassen auch die Erzeugung von Strom, der an andere Unternehmen und Institutionen verkauft wird. Standardoperationen sind dem gegenübe alle anderen (behördlichen) Hintergrundaktivitäten zur Erfüllung militärischer Funktionen und Missionen. Das Energieministerium berichtet, dass das Pentagon von 2010 bis 2017 insgesamt 527 Mio. Tonnen CO2-Äquivalent (Standard und Nicht-Standard) produziert hat, durchschnittlich etwa 66 Mio. Tonnen pro Jahr in diesem Zeitraum, was ungefähr den gleichen Treibhausgasemissionen von 14 Mio. Pkw entspricht, die ein Jahr lang gefahren wurden.

[...]

III. Bedrohungen der nationalen Sicherheit durch Ölabhängigkeit und Klimawandel

Drei nationale Sicherheitsbedenken überschneiden sich.
Erstens ist die US-Regierung seit langem besorgt über die Abhängigkeit von Öl aus dem Persischen Golföl. Gleichzeitig steht ein Teil des operativen Treibstoffverbrauchs des Militärs im Zusammenhang mit Missionen, die mit dem Schutz des Zugangs zu Öl und der Systeme verbunden sind, die den US-amerikanischen und globalen Zugang zu Öl gewährleisten. Einige halten diese Mission für lebenswichtig, während andere sich fragen, ob sie noch notwendig ist. Unabhängig davon, ob diese Mission von wesentlicher Bedeutung ist oder nicht, sind Maßnahmen zur Sicherstellung des Zugangs zu Erdöl teuer, ganz zu schweigen von der Kraftstoffintensität. Nach einer Schätzung belaufen sich die jährlichen zusätzlichen Kosten für US-Operationen zum Schutz vor Bedrohungen des Ölzugangs aus dem Persischen Golf auf etwa 5 Mrd. US-Dollar. Nach einer anderen Schätzung geben die USA mindestens 81 Mrd. Dollar pro Jahr für die Verteidigung der globalen Ölversorgung aus.
Zweitens ist das Pentagon zunehmend besorgt darüber, dass der Klimawandel eine Bedrohung und Herausforderung für das Militär als Institution darstellt, insbesondere für militärische Einrichtungen und Operationen. Dies ist verbunden mit der Sorge, dass die Treibstoffabhängigkeit das US-Militär verwundbar macht. Die USA haben den Kraftstoffverbrauch reduziert, so dass sie weniger abhängig von fossilen Brennstoffen sind.
Und drittens befasst sich das Pentagon mit den Bedrohungen, die der Klimawandel für die internationale Sicherheit darstellt, nämlich massive Migration und potenzielle Kriege. Das Militär scheint jedoch nicht zu wissen, inwieweit seine Bemühungen um den Schutz des Zugangs zum Persischen Golföl, seine anderen militärischen Operationen ein wichtiger Treiber für die Treibhausgasemissionen und damit letztlich für den Klimawandel sind.


Resümee: Das Pentagon geht davon aus, dass der Klimawandel eine Katastrophe für seine Institution und den Planeten sein wird, egal was sie tun. Dieses gilt auch, wenn sie glauben, dass sie weiterhin den Zugang zum Öl des Persischen Golfs schützen müssen, damit die USA und der Rest der Welt so viel Öl verbrennen können, wie sie wollen und zwar zu einem so niedrigen Preis pro Barrel wie möglich. Das Pentagon konzentriert seine Bemühungen auf die Anpassung an den Klimawandel und die Vorbereitung auf klimabedingte Unsicherheit, auch wenn es weiterhin dafür sorgt, dass die Amerikaner weiterhin relativ kostengünstigen Zugang zu importiertem Öl haben.

 

 

 

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