2019-08-22_SZ_Flugscham-Kampfflieger

Flugscham für Kampfflieger?

Plastiktüten zählen, aber über das Militär schweigen? Die Debatte über den Klimaschutz hat sich in eine Ideologie privater Verantwortung verwandelt. Sie muss politischer werden.
von Thomas Steinfeld - Süddeutsche Zeitung vom 22.8.2019

Auszug:
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Für jeden Passagier, der von München nach Mallorca fliegt, werden, grob gerechnet, etwa 100 Liter Kerosin verbrannt. Die Menge erscheint als sehr groß, wenn man sie sich etwa in Kanistern abgefüllt vorstellt. Sie erscheint allerdings als winzig klein, wenn sie am globalen Ölverbrauch misst: Das amerikanische Militär, der größte einzelne Energieverbraucher der Welt, verbraucht 48 Millionen Liter Öl pro Tag, was etwas weniger als einem Siebtel des gesamten deutschen Ölverbrauchs entspricht oder ungefähr so viel ist, wie ganz Schweden in derselben Zeit vernutzt.
Bei allen Vorschlägen, die gegenwärtig zur Verminderung des Kohlendioxidausstoßes kursieren, ist allerdings nie vom Militär die Rede. Das Politische erscheint in der Debatte um eine Verminderung des Klimawandels ins Private verschoben, und während jenes offenbar als nicht verhandelbar erscheint, sind der Fantasie des Energiesparens im Leben des Einzelnen offenbar keine Grenzen gesetzt.
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Viel zu selten wird erwähnt, dass die Verursacher des Klimawandels bis auf Weiteres auch dessen Profiteure sind (während sie zugleich eine Art Vormundschaft für ökologisch minder aufgeklärte Nationen beanspruchen), wie auch kaum ein Wort darüber fällt, wer überhaupt woran ein ökonomisches oder politisches Interesse hat: Warum zum Beispiel, will kein Berufspolitiker den Güterverkehr ernsthaft auf die Bahn verlagern?
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"Als Bürger können wir entscheidend zur Nachhaltigkeit beitragen: weniger Fleisch, weniger Fernreisen, weniger tonnenschwere Personenwagen", erklärte der neue Leiter des Umweltbundesamtes Dirk Messner. Über die Verlagerung des Güterverkehrs auf die Schiene oder über das Militär sprach er nicht.
Wahr ist jedenfalls, dass viele Menschen, die ihr ökologisches Gewissen damit zu beruhigen suchen, dass sie den Klimawandel primär als moralische Forderung an die private Lebensführung deuten, die schlimmeren künftigen Katastrophen vermutlich nicht mehr erleben werden. Wahr ist ferner, dass die Wahrscheinlichkeit, sie zu erleben, in dem Maße steigt, je jünger ein Mensch ist. Wahr aber auch, dass die Verwandlung eines globalen politischen Problems in eine Ideologie der persönlichen Verantwortung die beste Garantie dafür ist, dass alles so weitergeht wie bisher: moralisch, aber begriffslos. Die Debatte wird politischer werden müssen.

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